In Schleswig-Holstein leben viele Menschen vom Bürgergeld, doch die meisten gelten offiziell nicht als arbeitslos. Eine aktuelle Auswertung der Bundesagentur für Arbeit zeigt, dass nur rund ein Drittel der 188.900 Leistungsbeziehenden tatsächlich ohne Beschäftigung ist. Die übrigen sind krank, in Ausbildung, Pflege oder anderen Lebenssituationen gebunden. Diese Zahlen werfen ein anderes Licht auf die laufende Debatte um die geplante Reform der Bundesregierung.
Inhaltsverzeichnis:
- Vincenza Zick und der Weg zur neuen Grundsicherung
- Markus Biercher warnt vor unrealistischen Erwartungen
- Manuel Delfs findet neuen Halt durch Arbeit
- Unterschiedliche Meinungen zur Reform
- Herausforderungen am Arbeitsmarkt
- Wege aus der Abhängigkeit
Vincenza Zick und der Weg zur neuen Grundsicherung
Vincenza Zick arbeitet im Städtischen Krankenhaus Kiel. Die 38-Jährige misst Blutdruck, versorgt Patientinnen und Patienten – und lebt dennoch vom Bürgergeld. Sie hatte ihre Ausbildung abgebrochen, als sie Mutter wurde, und nutzt nun die Chance auf eine neue Qualifizierung als Pflegeassistentin. Zick steht stellvertretend für viele Bürgergeldempfängerinnen und -empfänger, die sich in Ausbildung oder Weiterbildung befinden und damit offiziell nicht als arbeitslos gelten.
Nach Angaben der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit betrifft das mehr als die Hälfte aller erwachsenen Leistungsbeziehenden im Land. Insgesamt erhalten 51.000 Kinder Bürgergeld, was die soziale Dimension der Unterstützung unterstreicht. Laut einer Grafik der Bundesagentur teilt sich die Gruppe der Bürgergeldempfängerinnen und -empfänger wie folgt auf:
| Kategorie | Anteil | Beschreibung |
|---|---|---|
| Arbeitslos | 32 % | Weniger als 15 Stunden Arbeit pro Woche, arbeitsuchend |
| Kinder | 27 % | Minderjährige im Leistungsbezug |
| In arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen | 9 % | Weiterbildung, Qualifizierung |
| In Schule, Studium oder Ausbildung | 8 % | Jugendliche und Studierende |
| „Aufstocker“ (Leistungsbezug trotz Arbeit) | 8 % | Erwerbstätige mit niedrigem Einkommen |
| Krankgeschrieben | 5 % | Arbeitsunfähig durch Krankheit |
| Durch Erziehung und Pflege gebunden | 5 % | Betreuung von Angehörigen oder Kindern |
| Sonstige | 5 % | Andere Lebenslagen |
Markus Biercher warnt vor unrealistischen Erwartungen
Die Bundesregierung will das Bürgergeld reformieren und durch eine neue Grundsicherung ersetzen. Ziel ist es, mehr Menschen in Arbeit zu bringen und gleichzeitig den Bundeshaushalt um bis zu 1,5 Milliarden Euro zu entlasten. Markus Biercher, Geschäftsführer der Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, nennt diese Ziele „sehr ambitioniert“. Nach seinen Schätzungen müssten dafür allein in Schleswig-Holstein rund 4.000 Menschen das Bürgergeld vollständig verlassen – nur durch die geplanten Maßnahmen sei das kaum zu erreichen.
Zudem sollen Leistungen künftig schrittweise gekürzt werden, wenn Termine beim Jobcenter versäumt oder Arbeit abgelehnt wird. Bei wiederholten Verstößen droht sogar der vollständige Leistungsentzug. Doch laut Biercher betreffe das nur wenige Fälle. Er spricht von einem „Zerrbild vom faulen Arbeitslosen“, das der Realität nicht entspreche.
Manuel Delfs findet neuen Halt durch Arbeit
Manuel Delfs arbeitet als Gartenpfleger im Naturerlebniszentrum Kollhorst in Kiel. Für zwei Euro die Stunde erhält er zusätzlich zum Bürgergeld eine Beschäftigung. Zuvor war er fünf Jahre obdachlos und lebte von Gelegenheitsjobs. Etwa 30.000 Menschen in Schleswig-Holstein beziehen trotz Arbeit Bürgergeld, ähnlich wie Delfs. Viele dieser sogenannten Aufstocker waren zuvor langzeitarbeitslos.
Sein Anleiter, Jan-Hajo Teten vom Bildungsträger „inab“ in Kiel, sieht in der Förderung statt in Sanktionen den Schlüssel zum Erfolg. Unter den Teilnehmenden gebe es mehrere junge Menschen ohne Schulabschluss, die motiviert seien, aber vor hohen Hürden stünden. Delfs bestätigt das und sagt: „Diese Maßnahme gibt ihm wieder Struktur.“
Unterschiedliche Meinungen zur Reform
Die geplante Reform sorgt auch in Schleswig-Holstein für Diskussionen. Eine Umfrage zeigte, dass viele Bürgerinnen und Bürger strengere Regeln unterstützen. Peter M. aus Nordfriesland hält den Unterschied zwischen Durchschnittsverdienern und Bürgergeldempfängern für unverhältnismäßig. Auch Nina B. aus dem Kreis Pinneberg fordert, dass Empfängerinnen und Empfänger sich bei Arbeitsfähigkeit stärker einbringen.
Vincenza Zick und Manuel Delfs können die Kritik teilweise verstehen, erleben aber zugleich Vorurteile. Zick betont, dass sie drei Kinder habe, eines davon pflegebedürftig, und deshalb keine Vollzeitstelle annehmen könne. Delfs wiederum beklagt, dass viele Bürgergeldempfängerinnen und -empfänger zu Unrecht als faul bezeichnet würden, obwohl sie sich regelmäßig bewerben und Absagen erhalten.
Herausforderungen am Arbeitsmarkt
Laut Biercher von der Agentur für Arbeit bestehen die größten Probleme nicht in der Motivation der Menschen, sondern in strukturellen Bedingungen. Viele gelten zwar als erwerbsfähig, können aber nur eingeschränkt arbeiten – gesundheitlich oder familiär bedingt. Zudem scheitere die Vermittlung in Schleswig-Holstein oft an fehlender Mobilität. Das Arbeitsministerium rechnet in den kommenden Jahren mit geringeren Einsparungen als ursprünglich geplant. 2026 könnten laut aktuellem Entwurf 86 Millionen Euro eingespart werden, 2027 noch 69 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die Gesamtausgaben für das Bürgergeld betrugen im vergangenen Jahr rund 47 Milliarden Euro.
Wege aus der Abhängigkeit
Für Menschen wie Vincenza Zick und Manuel Delfs bleibt das Ziel klar: der Weg in ein eigenständiges Berufsleben. Zick möchte nach ihrer Ausbildung im Krankenhaus Kiel übernommen werden. Delfs hofft auf eine feste Stelle bei den städtischen Abfallbetrieben. Beide stehen stellvertretend für viele Bürgergeldempfängerinnen und -empfänger, die sich aus eigener Kraft wieder in den Arbeitsmarkt integrieren wollen. Die Zahlen aus Schleswig-Holstein zeigen, dass ein großer Teil der Leistungsbeziehenden aktiv an seiner Zukunft arbeitet – und längst nicht alle ohne Beschäftigung sind.
Quelle: NDR