Immer mehr junge Menschen in Schleswig-Holstein entwickeln schwere Essstörungen. Besonders betroffen sind Mädchen im Alter zwischen neun und 18 Jahren. Ärztinnen und Ärzte des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel beobachten einen deutlichen Anstieg der Fälle. Die Betroffenen werden nicht nur jünger, sondern auch schwerer krank, warnen Expertinnen und Experten.
Inhaltsverzeichnis:
- Lena aus Kiel und der Beginn einer Krankheit
- Manuel Munz und das UKSH Kiel beobachten alarmierende Trends
- Beratungsstellen in Lübeck und Kiel verzeichnen steigenden Zulauf
- Wege aus der Krankheit und neue Hoffnung für Familien
Lena aus Kiel und der Beginn einer Krankheit
Lena, eine 18-jährige Schülerin aus der Nähe von Kiel, nahm sich vor, im neuen Jahr Gewicht zu verlieren. Aus dem Vorsatz wurde Zwang. Sie trainierte täglich und aß kaum noch. Schon nach wenigen Wochen verlor sie stark an Gewicht. Zunächst fühlte sie sich wohl, später jedoch begannen körperliche und seelische Probleme.
Als ihre Klassenlehrerin die Veränderung bemerkte, informierte sie Lenas Mutter. Der Anruf kam völlig überraschend. Die Mutter erinnert sich: „Es hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen.“ Rückblickend fiel ihr auf, dass Lena immer stärker Kontrolle über ihr Essen ausübte. Kartoffeln, Soße und Gemüse durften sich auf dem Teller nicht mehr berühren. Damals hielt sie das für eine Phase der Pubertät – ein Irrtum.
Manuel Munz und das UKSH Kiel beobachten alarmierende Trends
In der Kinder- und Jugendpsychiatrie des UKSH Kiel werden derzeit so viele Patientinnen und Patienten mit Essstörungen behandelt wie nie zuvor.
Die Mehrheit leidet unter Magersucht, gefolgt von Ess-Brech-Sucht und Essanfällen. Chefarzt Dr. Manuel Munz erklärt, dass bereits Kinder im Alter von neun oder zehn Jahren betroffen sind. Sie zählen Kalorien und entwickeln ein starkes Untergewicht.
Eltern trifft die Situation schwer. Viele leiden unter Schuldgefühlen. Sie fragen sich, ob sie etwas übersehen haben. Die Klinik setzt daher auf enge Einbindung der Familien in die Therapie. Eltern werden als Co-Therapeuten geschult, um das gemeinsame Essen und die Genesung ihrer Kinder zu unterstützen.
Weitere Hintergrundinformationen zu gesellschaftlichen Entwicklungen im Land finden Sie unter bildungskrise bei Neuntklässlern.
Beratungsstellen in Lübeck und Kiel verzeichnen steigenden Zulauf
Auch in den Frauenberatungsstellen „Biff“ in Lübeck und „Eß-o-Eß“ in Kiel nehmen die Anfragen zu. Psychologische Beraterin Sandra Göring berichtet, dass Eltern häufig nach der Schuldfrage suchen. Viele hoffen, durch Selbstreflexion einen Weg zur Heilung zu finden. Doch Göring betont, dass Essstörungen komplex sind und mehrere Ursachen haben können.
Zu den häufigsten Auslösern zählen:
- Druck durch Schönheitsideale.
- Geringes Selbstwertgefühl.
- Der Wunsch nach Kontrolle in schwierigen Lebenssituationen.
- Familiäre Konflikte oder Überforderung.
In Kiel und Umgebung fordern Expertinnen und Experten mehr Unterstützung für Eltern, etwa durch Hausbesuche von Therapeutinnen und Therapeuten. Diese Form der Begleitung gibt es derzeit nicht. Stattdessen werden Video-Sprechstunden angeboten.
Einen Überblick über weitere Gesundheitsinitiativen im Norden finden Sie hier.
Wege aus der Krankheit und neue Hoffnung für Familien
Lena war in drei Jahren viermal in stationärer Behandlung. In einer Klinik in Niedersachsen nahm sie an einer Eltern-Kind-Woche teil. Diese Phase half Mutter und Tochter, die Krankheit besser zu verstehen. Heute lebt Lena ohne Klinikaufenthalt – seit über sechs Monaten. Sie isst regelmäßig nach einem Ernährungsplan und führt wieder ein geregeltes Leben.
Ihre Mutter engagiert sich inzwischen in einer Selbsthilfegruppe für Eltern betroffener Kinder. Coachings, Meditation und der Glaube gaben ihr Kraft. Dennoch bleibt die Angst vor einem Rückfall bestehen.
Weitere Einblicke in soziale Herausforderungen in Schleswig-Holstein finden Sie unter christian B. obdachlos in Kiel.
Trotz der Sorgen überwiegt die Dankbarkeit. Lena hat überlebt, und ihre Familie hat gelernt, mit der Krankheit zu leben. Die Zahl der betroffenen Kinder in Schleswig-Holstein steigt weiter, doch durch frühe Therapie und Einbindung der Eltern können viele wieder gesund werden.
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Quelle: NDR