Steigende Belastung für viele Privatversicherte in Schleswig-Holstein
Steigende Belastung für viele Privatversicherte in Schleswig-Holstein, Foto: Pixabay / Lizenz: Pixabay

Ein wachsender Teil der rund 0,2 Mio. Privatversicherten in Schleswig-Holstein meldet der Verbraucherzentrale finanzielle Schwierigkeiten. Mehrere Versicherte berichten von monatlichen Mehrkosten zwischen 35 und 70 Euro, was ihre Budgets spürbar belastet. Die Betroffenen suchen zunehmend Beratung, da ein Wechsel in die gesetzliche Krankenversicherung meist ausgeschlossen bleibt. Wer sich über weitere regionale Entwicklungen informieren möchte, findet mehr hier.

Inhaltsverzeichnis:

Prämien bei Ralf Lehmann und Glenny Holdhof

Der Kieler Anwalt Ralf Lehmann zahlt künftig 938 Euro statt bisher 903 Euro im Monat. Er ist seit 30 Jahren privat versichert und beurteilt die Leistungen als solide. Dennoch betrachtet er die steigende monatliche Belastung als Risiko. Neben ihm sitzt Glenny Holdhof, deren Beitrag sich um etwa 70 Euro erhöht hat. Sie kann ihre Police nicht wechseln und sagte wörtlich „Ich bin auch alterstechnisch über gewisse Grenzen hinüber und da bin ich jetzt bis an mein Lebensende an diese Versicherung gebunden“. Ein Überblick über weitere soziale Herausforderungen in der Region findet sich unter diesem Link.

Patienten in der Kieler Praxis von Dr. Hinrik Dotzer

Dr. Hinrik Dotzer aus einer Kieler Praxis für Orthopädie und Sportmedizin erlebt die Thematik täglich. Viele Selbstständige ohne Beihilfe seien betroffen. Sie tragen die Kosten zu 100 Prozent und verfügen häufig nur über begrenzte Einkommen. Beamte oder Pensionäre zahlen hingegen meist 30 oder 50 Prozent, da die staatliche Beihilfe den Rest übernimmt. Einige Rentner geben laut Dotzer bis zu 50 Prozent ihrer Rente für die Krankenversicherung aus. Für Menschen mit geringem Einkommen, die privat versichert bleiben müssen, steigen die finanziellen Risiken weiter an.

Analyse von Thomas Drabinski in Kiel

Der Gesundheitsökonom Thomas Drabinski beobachtet seit mehreren Jahren steigende Tarife. Die privaten Krankenversicherungen erhöhten laut Verband ihre Beiträge im Durchschnitt um 13 Prozent. Drabinski führt dies vor allem auf Alterungsrückstellungen zurück. Jüngere Versicherte finanzieren über diese Rückstellungen die erwarteten Kosten im Alter. Bei Kündigung gingen diese Rückstellungen meist verloren. Verträge nach 2009 erlauben zwar eine Mitnahme zu anderen privaten Anbietern. Ein Wechsel in ein gesetzliches System bleibe jedoch ab einem bestimmten Alter unmöglich. Drabinski betont, dass es kein einkommensabhängiges Beitragsprinzip gibt. Fallen Einkommen weg, steigen die Belastungen spürbar. Eine Rückkehr zur gesetzlichen Versicherung sei nur für jüngere sozialversicherungspflichtige Beschäftigte oder in Härtefällen möglich.

Beratungsbedarf bei der Verbraucherzentrale SH

Die Verbraucherzentrale SH meldet einen deutlichen Anstieg der Anfragen. Juristin Katrin Reinhardt nennt vor allem Fragen zu Tarifwechseln und Rechten. Ein Wechsel könne Ersparnisse bringen. Häufig gehe dies aber mit Leistungseinschränkungen einher. Alle persönlichen Faktoren müssten berücksichtigt werden, bevor Entscheidungen getroffen werden. Viele Versicherte suchen Wege, ihre monatlichen Ausgaben zu senken, ohne den Versicherungsschutz zu gefährden. Weitere gesellschaftliche Entwicklungen in Schleswig-Holstein lassen sich unter dieser Übersicht einordnen.

Hilfe in der „Praxis ohne Grenzen“ von Dr. Uwe Denker

Dr. Uwe Denker leitet gemeinsam mit weiteren Ärztinnen und Ärzten die „Praxis ohne Grenzen“ in Bad Segeberg. Sie ist mittwochs von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Die Einrichtung behandelt überwiegend Privatversicherte, die ihre Beiträge nicht zahlen können. Diese bleiben Mitglieder der Versicherung, gelten jedoch als Nullzahler. Dann besteht kein Anspruch mehr auf Leistungen außer in medizinischen Notfällen. Die acht Standorte in Schleswig-Holstein und Hamburg finanzieren sich vollständig über Spenden. Besonders gravierend findet Denker, dass bei Ruhen des Vertrags auch Kinder ohne Absicherung bleiben. Er fordert unter anderem, dass alle Kinder beitragsfrei versichert sein sollten und dass das System grundlegend reformiert werden muss.

 Quelle: NDR, MILEKCORP

FAQ

Warum steigen die Beiträge für Privatversicherte in Schleswig-Holstein?

Die privaten Krankenversicherungen erhöhen die Prämien unter anderem wegen steigender Alterungsrückstellungen, die zukünftige Krankheitskosten im Alter abdecken sollen.

Können ältere Privatversicherte in die gesetzliche Krankenkasse wechseln?

Ein Wechsel ist für ältere Versicherte in der Regel nicht möglich, da gesetzliche Krankenkassen Personen ab einem gewissen Alter nicht mehr aufnehmen, wenn zuvor keine Beiträge eingezahlt wurden.

Welche Rolle spielt die Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein?

Die Verbraucherzentrale SH verzeichnet mehr Beratungsanfragen und hilft Betroffenen, ihre Rechte, mögliche Tarifwechsel sowie Handlungsspielräume besser zu verstehen.

Was passiert, wenn Privatversicherte ihre Beiträge nicht mehr zahlen können?

Sie bleiben Mitglied ihrer Versicherung, gelten jedoch als Nullzahler. Damit verlieren sie den Anspruch auf Leistungen, außer in medizinischen Notfällen.

Welche Unterstützung bietet die „Praxis ohne Grenzen“?

Die Einrichtung behandelt Privatversicherte, die ihre Beiträge nicht zahlen können, kostenfrei und finanziert sich ausschließlich durch Spenden.