Immer mehr Kinder in Schleswig-Holstein wiederholen die erste Klasse. Offiziell gibt es kein Sitzenbleiben mehr, doch die Zahlen des Bildungsministeriums zeigen einen klaren Trend.
Inhaltsverzeichnis:
- Grundschule Kuddewörde im Fokus
- Zahlen des Bildungsministeriums Schleswig-Holstein
- Ursachen nach Angaben von Lehrkräften
- Belastung für Schulen
- Reaktionen des Bildungsministeriums
Grundschule Kuddewörde im Fokus
In der Grundschule Kuddewörde im Kreis Herzogtum-Lauenburg unterrichtet Bettina Scheier 22 Kinder. Zwei von ihnen haben die erste Klasse erneut besucht. Die Lehrerin berichtet, dass manche Schüler ein Jahr mehr Zeit brauchen, um die Grundlagen im Lesen, Schreiben oder Rechnen zu sichern. Das Bildungsministerium betont, dass die ersten beiden Klassen als Einheit gelten und innerhalb von ein bis drei Jahren durchlaufen werden können. Offiziell sind die Kinder damit keine Wiederholer, sondern sogenannte Verbleiber.
Zahlen des Bildungsministeriums Schleswig-Holstein
Die Statistik macht den Anstieg deutlich. Zwischen dem Schuljahr 2015/16 und 2024/25 ist die Zahl der Kinder, die in der ersten Klasse verbleiben, von 1.313 auf 2.156 gestiegen. Das entspricht einem Plus von etwa 45 Prozent. Auch der Anteil an allen Erstklässlern ist von 5,5 Prozent auf 7,9 Prozent angewachsen.
Übersicht der Entwicklung
| Schuljahr | Gesamtzahl Schüler 1. Klasse | Verbleiber | Anteil (%) |
|---|---|---|---|
| 2015/16 | 23.997 | 1.313 | 5,5 |
| 2019/20 | 23.994 | 1.737 | 7,2 |
| 2023/24 | 27.517 | 2.012 | 7,3 |
| 2024/25 | 27.184 | 2.156 | 7,9 |
Ursachen nach Angaben von Lehrkräften
Schulleiterin Susanne Hinsch berichtet, dass die Entscheidung für ein weiteres Jahr in der Eingangsphase häufig schon während des Schuljahres fällt. Viele Kinder hätten Schwierigkeiten mit schulischen Vorläuferfähigkeiten wie Schneiden, Malen oder Stifthalten. Lehrerin Scheier verweist zudem auf sprachliche Defizite und psychische Auffälligkeiten. Annette Jeß vom Verband Bildung und Erziehung nennt fehlende Förderung in der Kita als weiteren Grund. Auch die familiäre Situation spielt eine Rolle, da Eltern oft berufstätig sind und den Kindern zu Hause wenig Zeit für Übung bleibt.
Belastung für Schulen
Die steigenden Zahlen wirken sich spürbar auf den Schulalltag aus. Lehrkräfte stehen vor der Herausforderung, sehr unterschiedliche Lernstände in einer Klasse auszugleichen. In großen Klassen sitzen Kinder mit Vorkenntnissen neben solchen mit erheblichen Lücken. Das erhöht den Druck auf die Pädagogen und erfordert viel Einfühlungsvermögen. Eltern wiederum sorgen sich um die Stigmatisierung ihrer Kinder, wenn diese länger in der Eingangsphase bleiben.
Reaktionen des Bildungsministeriums
Das Ministerium hat auf die Entwicklung reagiert. Programme wie „Entwicklungsfokus Viereinhalb“ prüfen die Sprachkenntnisse schon im Vorschulalter. Dazu kommen Projekte wie „Leseband.SH“ zur täglichen Leseförderung und die Initiative „Niemanden zurücklassen“. Gewerkschaften wie die GEW fordern jedoch weitere Maßnahmen. Sie sprechen sich für kleinere Klassen, mehr Personal, zusätzliche Schulsozialarbeit und eine bessere Ausstattung aus.
Die Daten zeigen klar, dass trotz der offiziellen Abschaffung des Sitzenbleibens immer mehr Kinder in Schleswig-Holstein die erste Klasse wiederholen. Die Entwicklung stellt Schulen, Lehrkräfte und Eltern gleichermaßen vor große Herausforderungen.
Quelle: NDR